Arbeitsgemeinschaft Val Calanca

 

Geschichte, Ideen und Ziele


Vorgeschichte

Als ich im Jahre 1968 zum ersten Mal ins Calancatal kam war ich beeindruckt von seiner Enge, seiner wilden Schönheit und der Dominanz der Natur über den Wirtschaftsraum, der durch die Naturkräfte eingeengt und immer wieder bedroht wird. Im Verlaufe der folgenden Jahrzehnte führte mich meine Freundschaft mit Dr. Jakob Urech und Studienwochen mit meinen Gymnasiasten immer häufiger ins Tal. In diesen Jahren prägten sich mir zwei Bilder unauslöschlich ein: Die hart und mühselig arbeitenden Bergbauern und daneben die überdeutlich sichtbaren Spuren der massiven Abwanderung (zugewachsene Wege, gebrochene Mauern, Ruinen, vergandete Wiesen und verbreitete Resignation). Gleichzeitig beeindruckten die Harmonie zwischen Siedlungs- und Wirtschaftslandschaft und die durch ihren Lebensraum geprägten Menschen. Mich persönlich berührte besonders wie mühsam hier, wo Feldwege fast vollständig fehlten, die bäuerliche Arbeit war und wie sehr die junge Generation fehlte.

So entschlossen wir uns schon in der ersten Studienwoche im Frühjahr 1972 zu einigen kleinen Hilfeleistungen für die älteren Bewohner von Bodio. In den 1974 bis 1977 folgten vier weitere Studienwochen, ebenfalls am Rande verbunden mit kleinen Unterstützungsarbeiten.

Thematisch widmeten wir uns anfänglich dem Studium naturgeografischer Themen (Geologie, Morphologie, Naturgefahren), dann vermehrt der alpinen Kulturlandschaft und schliesslich dem Kulturlandschaftswandel. Ein Hauptanliegen war, mit den Problemen der Talbewohner vertraut zu werden. So erwarb ich mir im Verlaufe der Jahre ein tieferes Verständnis für das Tal und seine Menschen. Parallel dazu wuchs die Überzeugung, dass dieses Tal Hilfe benötigt wenn die Abwanderung gestoppt und die noch vorhandene Infrastruktur gerettet werden soll.

 

Der Schritt zur AVC

Sollte man da nicht ein Zeichen setzen, doch wann und wie bei bis anhin maximal zweimal 3 Tagen „Ferien“ im Jahr, je über ein Wochenende. Eine Antwort auf diese Frage ergab sich auf ungewohnte Art und Weise. Im November 1978 erfuhr ich von einem Wegbauprojekt hoch über dem Calancatal, für das der Initiator Wilfried Graf aus Binningen jugendliche Fronarbeiter suchte. Die Idee und der dahinter stehende Pioniergeist haben mich damals spontan gepackt und so machte ich Graf’s Aufruf an unserer Schule bekannt. In der Folge meldeten sich ein knappes Dutzend Schüler aus meinen fünften Klassen für einen solchen Einsatz, allerdings liessen sie sich nicht dazu bewegen, ohne meine Begleitung mitzumachen. Was blieb mir anderes übrig als sie als ihr Vorarbeiter zu begleiten. Bereuen musste ich diesen Entschluss nicht, die 8 Tage waren nicht nur ein grossartiges Erlebnis sondern wurden zum Start zu einer jahrzehntelangen Tradition. Die Jungen zogen mich in dieses Projekt hinein und ich nutzte dann die Gunst der Stunde, sie für eine nachhaltige, breite Unterstützung im Rahmen eines Vereins zu gewinnen. Die Arbeitsgemeinschaft Val Calanca (der Kantonsschule Sursee) war geboren.

Von 1979 bis 1985 lag das Schwergewicht unserer Arbeit beim Bau und Ausbau des „Sentiero Alpino Calanca“ zwischen Nadi (Gemeinde Santa Maria) und dem Nomnomgrat. Dazu haben wir aus eigener Initiative vom ersten Jahr an, soweit zeitlich möglich, Arbeiten an den zuwachsenden und ausgeschwemmten Zugangswegen vom Tal her ausgeführt und viele von ihnen erst wieder begehbar gemacht! Das von uns instand gestellte Fusswegnetz hat eine Länge von über 17 Marschstunden. Dabei wurde es wichtig, die von den Einheimischen gewünschten Prioritäten zu kennen, die Arbeitseinsätze erfolgten vermehrt in Absprache mit den Gemeindebehörden und weiteten sich gleichzeitig in der Gemeinde Cauco auf andere Tätigkeiten aus (Pflege von Wiesen und Weiden, der Friedhofanlage, der neuen Güterstrasse etc., dazu kamen der Zaunbau in der Gemeindeweide „Alne“ und um Wasserreservoirs sowie punktuelle Arbeiten für Landwirte). Ein Höhepunkt war unser Beitrag zur Rettung der Kapelle In Lasciallo in den Jahren 1992 – 1995. Sie gilt heute als bedeutendes Zeugnis des frühen Barocks in der Südschweiz.

Der während unserer Arbeit und in weiteren Studienwochen kontinuierlich gewachsene Einblick in das Leben im Tal und in die Geschichte seiner Kulturlandschaft weckte mein Interesse für eigene Forschungsarbeiten mit dem Ziel, Zeugnisse vergangener Epochen der Nachwelt zu erhalten. Im Jahre 1991 begannen wir mit der Kartierung zerfallener Ställe und Cascinas, dies als ein erster Schritt im Versuch, die verbliebenen Spuren der verschwundenen traditionellen Bergbauernwirtschaft zu sichern. Zehn Jahre später konnte ich meine inzwischen umfangreichen Erfahrungen und Forschungsergebnisse unter dem Titel „Val Calanca – Wesen und Wandel eines alpinen Lebensraumes“ veröffentlichen.

 

Das Projekt „Kulturlandschaft im Wandel der Zeit: Von der Vergangenheit in die Zukunft“

Unterstützungsarbeiten und Erforschung der Landschaftsgeschichte liefen seit jeher nebeneinander. Im Jahre 2004 haben wir unsere vielfältigen Aktivitäten und Ziele zu einem Projekt gebündelt, in dem die Wiederherstellung und Pflege von Zeugnissen der historischen Kulturlandschaft (Terrassen- und Wegmauern, Brunnen und alten Ställen) ein grösseres Gewicht erhielt und das daher von 2006 bis 2012 vom FLS unterstützt wurde.

Projektrahmen: Ia   Unterstützung der Bauern / Landeigentümer

 Ib   Restaurierung und Pflege des kulturlandschaftlichen Erbe 

 II    regionale kulturlandschaftsgeschichtliche Forschung

 III  Bereitstellung von Informationsmaterial zur Landschaft und deren Geschichte

 IV  Materialien / Unterlagen zur Umweltbildung erarbeiten

 

Zwischenbilanz und Ausblick

Im Rahmen einer Zwischenbilanz dürfen wir feststellen, dass wir mithelfen konnten, frischen Wind und Zukunftsglauben ins Tal zu bringen. Der kleine „Wegpickler“-Verein hat seine Tätigkeiten selbständig erweitert und hat schon lange viele Freunde im Tal gefunden mit denen wir reibungslos zusammenarbeiten. Das Durchschnittsalter der Vereinsmitglieder hat sich zwischen 1979 und 2016 verdoppelt, entsprechend gemässigter wurde unser Arbeitstempo am Berg aber umso mehr profitieren wir von den gemachten Erfahrungen. Uns bot das Projekt zudem die einzigartige Möglichkeit, das komplexe und verletzliche Netzwerk unseres Lebensraumes besser kennen und verstehen zu lernen.

Für die Zukunft planen wir das Thema Umweltbildung auszubauen, wir möchten die Besucher des Tals an unseren Erfahrungen teilhaben lassen und sie ermuntern, selber auf Entdeckungsreisen zu gehen. Vor allem aber möchten wir unter dem Motto „Vergangenheit trifft Zukunft“ mithelfen, wichtige Zeugnisse der historischen Kulturlandschaft zu bewahren und für einen sanften Tourismus nutzbar zu machen, sowie die heutigen Bauern in ihren Bemühungen unterstützen, die letzten Flächen des ehemaligen Kulturlandes an den steilen Talhängen ökologisch zu nutzen.

Die Devise lautet: Vergangenes und Gegenwärtiges verbinden mit Blick auf die Zukunft.

Hans Urech